Die Bibel meint, sogar der Mensch sei ein Abbild, eine Kopie. Trotzdem sind wir alle auch einzigartig. Kann und soll eine Kopie überhaupt perfekt sein? Lassen Sie uns auf einige Replikate und ihr Verhältnis zum Original schauen.

Genesis 1,27

Wolfgang Beltracchi

Einen der größten Kunstskandale der vergangenen Jahre hat Wolfgang Beltracchi (*1951) verursacht. Er fälschte verschollene Werke von expressionistischen Malern, seine Frau und ihre Schwester boten die Bilder großen Auktionshäusern erfolgreich an. 2010 flog der Schwindel auf, die Beteiligten wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.  

Eberhard Jägers ist promovierter Chemiker. Er hat sich auf die Analyse von Pigmenten spezialisiert, die bei Kunstwerken verwendet wurden. Sein Labor im Norden von Bonn wird von Sammlern, Auktionshäusern und Museen beauftragt. Er war unter den Ersten, die den Beltracchis auf die Schliche kamen. 

Andy Warhol

Ganz legal hat Andy Warhol (1928–1987) mehrfach dasselbe Motiv verkauft. Seine Leidenschaft für Reproduktion hatte verschiedene Quellen: Druckverfahren laden dazu ein, dieselbe Vorlage immer wieder abzubilden. Gleichzeitig strebte Warhol danach, selbst die perfekte ‚Kunst-Maschine‘ zu sein, mit einem Output von 4.000 Bildern am Tag (dieser Zahl ist er allerdings auch an seinen besten Tagen nicht nahegekommen).

Spezial-Edition von Campbells Suppen mit Unterschrift Warhols. Die Dosen dienten als Vorlage für Warhols 32 Campbell’s Soup Cans (1962)

Vorstellungen von Einmaligkeit und Wert von Kunstwerken hat Warhol umgestoßen. Als er schon erfolgreich war, zeichnete er von jedem ein Portrait, der dafür 25.000 $ zu zahlen bereit war. Die Produktion seiner Siebdrucke hat er bald in die Hände eines jungen Assistenten gelegt. Kann man da noch von einem ‚echten Warhol‘ sprechen?

Bach & Vivaldi

Dass Unikate einen besonderen Wert haben, lernte Johann Sebastian Bach (1685–1750) von seinem großen Bruder Johann Christoph (1671–1721). Heimlich kopierte Johann Sebastian, damals noch Teenager, eine  einzigartige Handschrift mit verschiedenen Musikstücken, die sein Bruder wiederum seinem Lehrer Johann Pachelbel (1653–1706) abgekauft hatte. Johann Christoph Bach, der zu Recht Wertminderung durch Kopien fürchtete, reagierte deutlich. 

aus dem Nekrolog auf Johann Sebastian Bach von Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Friedrich Agricola, 1750/54
Igor Strawinsky über Antonio Vivaldi (in: Robert Craft: Conversations with Igor Stravinsky, New York 1959, S. 84)

Der vielleicht bekannteste Komponist zu Bachs Lebzeiten war Antonio Vivaldi (1678–1741). Der Italiener hat ein und dieselbe musikalische Anlage mehrere hundert Male verwendet; Vivaldi hat etwa 500 Konzerte, die meisten für die Geige, hinterlassen. Zwei Jahrhunderte später nörgelte Igor Strawinsky (1882–1971), Vivaldi sei ein „langweiliger Genosse“ gewesen, weil er zu wenig mit der Gestalt des Konzerts experimentiert habe. 

Johann Sebastian Bach hat in Vivaldis ständiger Wiederholung der Konzertform unschätzbare Anregungen gefunden. Auch Vivaldis Musik hat Bach handschriftlich kopiert, diese Transkriptionen weichen aber teils deutlich von der Vorlage ab. So hat Bach die Besetzungen geändert und die bewusste Schlichtheit des Originals zugunsten einer tiefergehenden Ausgestaltung aufgegeben.

Hip-Hop

Eine ganz neue Bedeutung haben musikalische Kopien im Hip-Hop gewonnen. Kurze Schlagzeug-Soli aus Funk- und Soulnummern wurden ab den 1960er-Jahren aus den ursprünglichen Titeln herausgelöst und in Dauerschleife gespielt zur Grundlage neuer Songs. Zu den frühesten Geräten zum Samplen vom Tonband gehört das Mellotron.

Kamen anfangs noch Tonbänder zum Einsatz, ist sogenanntes ‚Sampling‘ heute digital möglich. Weil fremde Musik kopiert wird, ist die Geschichte des Hip-Hop geprägt von Urheberrechts-Streitigkeiten. 

Die US-amerikanische Sängerin Kelis (*1979), deren Milkshake 2003 die Charts stürmte, hat in ihrem 2006 erschienen Album Kelis Was Here ein Sample aus Mozarts Zauberflöte umgewidmet; statt einer Rache-Arie sang Kelis in höchsten Tönen von ihrem Angebeteten. Durch Sampling wird aus einer zornigen Mutter eine verführerische Sirene. 

Bakteriengenetik

Kopieren ist Teil allen Lebens. Nicht nur der Mensch schafft Abbilder (oder ist selbst eines, wie es die Bibel lehrt), auch Lebewesen ohne festen Zellkern, sogenannte Prokaryoten (im Gegensatz zu den Eukaryoten, zu denen auch die Menschen gehören), erschaffen Kopien ihrer Umwelt. Sie integrieren DNA von feindlichen Viren in ihre eigene DNA, diese ‚Datenbank‘ bildet die Grundlage ihres Immunsystems. 

Legionella pneumophila

Weil Prokaryoten die fremde DNA mithilfe von Proteinen in die eigene DNA aufnehmen, spricht man auch von einer Genschere. Was in der Natur nur bei Bakterien oder Archaeen vorkommt, lässt sich allerdings auch für den Menschen nutzbar machen. Für die Erforschung der Genschere CRISPR/Cas9 haben 2020 die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier (*1968) und Jennifer Doudna (*1964) den Nobelpreis für Chemie erhalten. 

Die grünen RNA-Moleküle sind die Immunantwort auf die feindliche, rote DNA, die mithilfe der türkisen CAS-Proteine zerschnitten werden kann.

Die beiden diesjährigen [2020] Nobelpreisträgerinnen für Chemie Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna bei der Verleihung des Princess of Asturias Awards in Oviedo 2015.

Das vom Immunsystem geschaffene Abbild hat einen weiteren großen Nutzen: Es beweist die Existenz von ‚gespeicherten‘ Viren. Forscher konnten bisher nur etwa drei Prozent der in Prokaryoten gefundenen fremden DNA schon bekannten Viren zuordnen. Die Kopie ist in diesem Fall – wie so oft – der einzige Nachweis der Existenz des Originals. 

Autor: Daniel Frosch

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